„Hoffentlich werde ich nicht krank, hoffentlich finden wir zumindest etwas zu Essen, warum mussten die Dartpfeile der beiden #Dartprofis  auf der Bühne des Grazathlons so weit voneinander entfernt landen?…“ Diese und noch viele andere (sogar positive) Gedanken schwirrten durch Ottos und meinen Kopf, als wir in der Nähe von Weinberg im Burgenland unsere Henkersmahlzeit verschlangen.

Auf geht's - 400km quer durch Österreich

Auf geht’s – 400km quer durch Österreich

Vom genialsten aller Fanclubs begleitet ging’s dann zum Dorfzentrum, wo wir am Freitag um 18:00 Uhr in die Hungergames Austria Edition starteten. Mit insgesamt 148,2kg Lebendgewicht machten sich Otto und ich querfeldein auf den Weg in Richtung Pinkafeld – unserem ersten Orientierungspunkt. Um zu erfahren, wieviel Fett- und Muskelmasse wir in den nächsten Tagen verlieren würden, ließen wir unsere Körper im Professional Body Resort vorab genauestens analysieren. Erschwerend kamen noch einige Kilogramm an Video- und Technikmaterial für die Live-Reportagen auf meiner Facebookseite hinzu. Alle erdenklichen weitern Hilfsmittel wie z.B. Geld, Zelt- oder Campingequipment, Essen, etc. waren strikt verboten. Auch das Annehmen von Almosen war uns strengstens untersagt.

Um die Tour nicht vorzeitig beenden zu müssen, hatten wir uns vorab einstimmig entschieden NICHT OHNE Kleidung zu starten. So hatten wir ein Tages- und Nachtoutfit mit und da im wir Begriff waren, knapp 400km durch Österreich zu marschieren, ganze vier Paar XBionic Wandersocken.

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Die erste Stunde lag nun hinter uns und schnell bemerkten wir, dass wir vom Kurs abgekommen sind. Unsere Augen suchten nämlich permanent den Boden nach Essbarem ab, jedoch fanden sie nicht den richtigen Weg. Jeder Zusatzkilometer ist eine Erschwernis für unsere Mission. Deshalb war die Freude umso größer, als wir vor Einbruch der Dunkelheit zurück auf der geplanten Route waren und durch wieder durch die Steiermark marschierten.

Home Sweet Home

Home Sweet Home

Als Radfahrer wusste ich, dass unsere Chancen für nützliche Gebrauchsgegenstände am Straßenrad am besten stehen. Und tatsächlich: Nach wenigen Minuten war das erste Feuerzeug unser und wir konnten am Ende der ersten Nacht – nach 32 Kilometern – mit einer Aludose eine kleine Stärkung zubereiten. Brennnesselblüten, Himbeeren und Löwenzahnblätter wurden aufgekocht und fertig. Nicht ahnend, dass dies die Hauptnahrungsquelle für die nächsten Tage darstellt, genossen wir diese kalorienarme und vitaminreiche Suppe.

Himbeeren mit Brennnesseln - und zur Abwechslung Brennnesseln mit Himbeeren!

Himbeeren mit Brennnesseln – und zur Abwechslung Brennnesseln mit Himbeeren!

Wir schliefen am Tag um Energie zu sparen und machten uns häufig erst am Abend auf den Weg. So konnten wir gegen Ende der zweiten Nacht, nach weiteren 45 Kilometern, in der Nähe von Fochnitz unser Nachtlager beziehen. Eine halb überdachte Kriegs-Gedenkstätte, mit beinahe genügend Platz für beide von uns, und steinhartem Komfort auf dem kalten Betonboden.

Der dritte Tag wurde zum Wettrennen. Nicht wegen des Tempos, sondern wegen des Wetters. Noch wussten wir nicht, dass es JEDEN EINZELNEN Tag regnen sollte, aber wir hatten ohnehin keine Wahl. Ebenso wenig hatten wir Regenkleidung – daher mussten wir in den Regenphasen riskieren oder rasch eine geeignete Unterkunft finden, in der wir vor Regen geschützt waren und dort verharren mussten, bis sich das Wetter wieder besserte. So kam es dazu, dass wir kurz vor 23 Uhr zusammengekauert in einem Steinbruch beschlossen, die Nacht auf dem staubigen Schotter zu verbringen.

Zumindest kann man darauf vertrauen, dass man an Österreichs Straßen sehr viele nützliche Dinge finden kann!

Zumindest kann man darauf vertrauen, dass man an Österreichs Straßen sehr viele nützliche Dinge finden kann!

Eine gute Entscheidung, denn am Morgen des vierten Tages (um 4 Uhr 45) begrüßten uns nicht nur die ersten Sommersonnenstrahlen, sondern auch Massen an Hagelkörnern am Boden. Außerdem noch die überschwemmten und von den Behörden gesperrten Straßenabschnitte aufgrund von Murenabgängen und so machten wir uns auf den Weg ins Mürztal. Jeder Tag ist eine Herausforderung für sich, da man nie weiß, wieviel Nahrung man findet, welche Temperatur und welches Wetter einen erwartet bzw. wann man das nächste Mal seine Augen – wenn auch nur für einen Powernap – schließen kann. Durch die starken Regenfälle konnte man nicht einmal das Wasser aus Österreichs Bächen trinken, da dieses gänzlich verschlammt waren. Otto und ich fanden uns allerdings schnell mit diesen Herausforderungen und diesem „Rhythmus ohne Takt“ ab. Vermutlich deshalb, weil unsere Hirne aufgrund des Nahrungsmangels nicht mehr richtig funktionierten und wir ohnehin keine andere Wahl hatten.

Otto Oberegger

Auch das Feuer machen ist nach dem Regen eine Herausforderung für sich

Kein Tag-Nacht-Gefühl, kaum Kohlenhydrate und die stetige Anstrengung der täglichen 30-40 Kilometer, lassen einen wie willenlose Rucksackzombies erscheinen. Doch konnten wir uns am vierten und fünften Tag von Oberaich bis nach Treglwang durchkämpfen, wo ich Otto aufgrund meiner zunehmenden Fußprobleme um einen Pausetag bitten musste.

Diesen verbrachten wir am Südhang des Liesingtals in unserem selbsternannten Himbeerland. So gab es einmal Himbeeren mit Brennnesseln und zur Abwechslung Brennnesseln mit Himbeeren. Essen, Schlafen und Entspannen, bis wir uns abends doch für den Weitermarsch entschieden haben und der Pausetag doch nur ein halber war.

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Nach einem äußerst regnerischen siebten Tag mit einer halben Tagesdistanz folgte der gefühlt längste Tag dieser Tour. Meine Fußprobleme legten sich, jedoch erlangten wir unsere gesamte Leistungsfähigkeit nicht zurück, da sich bei Otto Magenprobleme auftaten und nicht alles gegessen werden konnte. Der Tag begann am „Sandstrand“ unter einer schützenden Brücke nahe Irdning und führte uns zweimal hintereinander in ein Sommergewitter. Nach dem Kleidungswechsel und dem langsameren Vorankommen der letzten 48h, planten wir die Nacht durchzumarschieren.

Gegen 3 Uhr morgens wiedererfuhr uns endlich Glück beim Dumpstern. Unzählige Mülleimer mussten wir durchsuchen und unsere Ausbeute beschränkte sich auf Haushaltsmüll und eine Schuljause, die in Bushaltestellen entsorgt wurden. Nun hatten wir neben essbarem Unkraut, Wildbeeren, Pilzen und vereinzelten Obstbäumen mit teils unreifen Früchten (Ottos Magenprobleme) ein paar abgelaufene Lebensmittel, die weggeworfen wurden.

Immer dabei - Himbeeren

Immer dabei – Himbeeren

Normalerweise stört es uns, wenn knapp die Hälfte aller gekauften Lebensmittel weggeworfen werden, aber in diesem Fall genossen wir diese einwandfrei genießbaren Fundstücke. „Nach dem Essen sollst du ruh’n oder tausend Schritte tun!“ Wir entschieden uns für Zweiteres. Daher marschierten wir weiter in Richtung Liezen, unsere Körper wollten aber Ersteres. Ein Powernap half auch nicht mehr weiter und so torkelten wir völlig erschöpft und übermüdet im Morgengrauen bis zu einer geeigneten Stelle für einen Erholungsschlaf.

Topfit...?

Topfit…?

Ab dem neunten Tag gab es eine kältere Großwetterlage, welche uns davon überzeugte tagsüber zu marschieren. Mit dem Nachteil, dass die Nachttemperaturen mit geschätzten 5°C in der Ruhephase an den Reserven zehrten. Wir schliefen zwar minimal länger – aber die Regeneration kam in diesen letzten Nächten wesentlich zu kurz. Nichtsdestotrotz kamen wir unserem Ziel am zehnten und elften Tag um 75 Kilometer näher. Wir verließen die Steiermark, marschierten nach Sazlburg und waren nun in Uttendorf angekommen. Das Dorf vor dem Mittagskogel, welchen wir am nächsten Tag schon sehr früh in Angriff nahmen, um in kein Nachmittagsgewitter zu geraten.

Doch nach knapp zwei Stunden schien die Situation aussichtslos. Dauerregen nahe der Bürgelhütte zwang uns dort die ortskundigen Hüttenbetreiber nach der Wetterlage in den Kitzbüheler Alpen zu fragen, welche uns aufgrund der starken Gewitter tunlichst davon abrieten, den Gipfel zu besteigen.

Wir wollen hoch hinaus – aber bei einem Gewitter sollte man nicht der höchste Punkt sein!

Wir wollen hoch hinaus – aber bei einem Gewitter sollte man nicht der höchste Punkt sein!

So tauschten wir aus Sicherheitsgründen das Blitz-Risiko im Hochgebirge mit einer köstlichen Nussschnecke und einem Siegesbier ein. Wir marschierten fast exakt 400 Kilometer und mehr als 5.500 Höhenmeter durch drei Bundesländer. Mit nun insgesamt 142,3kg Lebendgewicht kamen wir nach insgesamt 11,5 Tagen am Ziel an. Dies war das Ende der Hungergames Austria Edition und eine der lehrreichsten Erfahrungen unseres Lebens. Auch wenn mir durch den Kohlenhydratmangel und den fehlenden Tag-Nacht-Rhythmus das Denken schwerfiel, startete schon die Ideenfindung für meine nächste große Herausforderung.

Es bleibt spannend!

Am Ziel der Hungergames Austria Edition angekommen

Am Ziel der Hungergames Austria Edition angekommen

 

Copyright Fotos: Otto Michael Oberegger

Written by: christian

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