Geschafft hab ich‘s, geschafft bin ich. Hundemüde im Inneren aber nach außen nicht wirklich erkenntlich, konnte ich am 24.12.2015 um 05:31 frühmorgens von meinem knapp 20kg schweren Rad steigen. Nach „Österreichischem Standard“ wird das Weihnachtsfest erst am Abend dieses Tages gefeiert, daher kann ich diese Tour in sämtlichen Punkten für erfolgreich abgeschlossen erklären.

Christian Graber kommt zu Hause an

Der Moment der Ankunft

Es war eine harte Zeit – die im Nachhinein betrachtet – viel zu schnell vorbei war. So schnell und so intensiv, dass ich garnicht in den Genuss kommen durfte, alles aktiv mitzubekommen und in mein Langzeitgedächtnis einbauen zu dürfen. Das wundert mich aber auch nicht wirklich, da der komplette Tag-Nacht-Rhythmus abrupt beendet wurde und der Schlaf, den ich mir gönnen konnte, relativ knapp ausfiel.

Rosengarten bei Sonnenuntergang

Bern – Meine neue Heimat

Drei Tage lang war ich auf meinem Weg von Bern nach Graz mit dem Fahrrad unterwegs. Dabei habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mich absolut selbstständig fortzubewegen. Normalerweise ist das ja auch kein großes Problem – aber mit dem auferlegten Zeitdruck, vor Weihnachten daheim zu sein, kann das schon einmal etwas anstrengender werden. Ich dachte mir ich sei relativ „effizient“ unterwegs – doch die Auswertung der Tourdaten schockierte mich dann doch ein wenig. Von den 67 Stunden 37 Minuten und 47 Sekunden, die ich von der Zytglogge in Bern zum Garagentor meines Elternhauses in Kumberg brauchte, war ich auf die Sekunde genau 39 Stunden am Bike in Bewegung. Das entspricht einer Effizienz von knapp 58 Prozent.
Den Rest der Zeit entfiel auf:

  • Navigation
  • Korrektur der falschen Navigation
  • Nahrungssuche
  • Nahrungsaufnahme
  • Powernapping
  • Schlafpausen
  • Zehen aufwärmen

Auch meine Erzfeinde (Rote Ampeln, plötzlich auftauchende Autostraßen, Umfahrungen und Straßensperren) verlängerten meine Fahrt auf dieser Strecke.

Bei der Planung dieser Tour kam mir immer wieder in den Sinn, dass mir der Winter 2014 bei meiner Radtour nach Portugal bzw. Andorra eine Lektion nach der anderen erteilt hat und ich aus meinen Fehlern lernen sollte. Gesagt – getan! Nachdem ich mir im Klaren war, welche Probleme auftreten können habe ich gezielt die einzelnen Situationen trainieren können und mich dementsprechend besser vorbereitet. Im Nachhinein betrachtet sollte man das ohnehin für die meisten Herausforderungen des Lebens anwenden – nur setzt man das viel zu selten um.

Christian Graber vor der Zytglogge

Kurz vor dem Start

Mein Weg führte mich am ersten Tag von Bern und Winterthur (CH) nach Kempten im Allgäu – Deutschland – wo ich dann meine erste kurze Nachtruhe verbrachte. Der Start bei der Zytglogge war angenehm unspektakulär – sodass meine Herzfrequenz von Anfang an „gechillt“ blieb. Doch wie so oft – falsch gedacht! Bereits innerhalb der ersten zehn Meter wurde ich von einem Passanten angemotzt, dass ich mit dem Fahrrad hier nichts zu suchen habe. Da ich noch immer nicht gelernt habe, so etwas zu ignorieren durfte ich also doch mit etwas erhöhtem Puls in mein Vorhaben starten. Insgesamt hat sich das aber nicht auf meinen Durchschnittspuls von 118bpm ausgewirkt.

Die ersten 100km waren von Regen und nasser Fahrbahn dominiert, was mich zum einen schneller vorankommen ließ – weil man automatisch weniger Pausen machen möchte – aber zum anderen natürlich eine zusätzliche Belastung ist. Aber das Gute am Radfahren ist, dass man auch dem Wetter davonfahren kann. Also durfte ich am Abend des ersten Tages noch einen schönen Sonnenuntergang miterleben und konnte anschließend bis ca. 04:30 Uhr morgens trocken durch die Ostschweiz und Vorarlberg (AUT) nach Deutschland ins Allgäu fahren.

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In der Nacht mit dem Rad unterwegs zu sein ist zwar sehr angenehm und ruhig, nur ist es nicht möglich irgendwo auf der Strecke an Flüssigkeit oder Nahrung zu kommen. Auch die permanent auskühlenden Zehen können dann nirgends mehr getrocknet bzw. aufgewärmt werden. Und so konnte ich mir drei Stunden Bettruhe in einem Hotel gönnen. Anschließend gab ich mich erst einmal einem ausgiebigen Frühstück hin. Zwar sehen die ernährungstherapeutischen Empfehlungen für Ultradistanz-Rennen relativ anders aus – aber dafür konnte ich auf Hilfe von Betreuern verzichten und meine Kalorienaufnahme selbstständig auf der Strecke organisieren.

Der Zweite Tag führte mich weiter Richtung Osten durch Bad Tölz und Rosenheim bis ich abermals spätabends bzw. frühmorgens in Salzburg (AUT) ankam. Obwohl ich ständig in Bewegung war übermannte mich nach und nach die Müdigkeit, was mich dazu zwang immer wieder Powernaps in Banken oder auf Tankstellen-Toiletten zu machen.

Christian Graber beim Powernapping

Tagsüber kann man auch mit Schlafmangel gut unterwegs sein, nur fehlt dem Auge nachts das natürliche Sonnenlicht und man ist gezwungen dem Lichtpegel der Lampe stur zu folgen. Doch durch die Wintersonnenwende musste ich mehr als die Hälfte der Strecke – also ca. 460 Kilometer in Dunkelheit zurücklegen. Mein SON-Nabendynamo „raubte“ mir zwar um die 20 Watt meiner Energie, aber dafür war ich in der Lage mein ganzes Equipment und meine Beleuchtung selbstständig mit Strom zu versorgen.

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Am letzten Tag fuhr ich dann von Salzburg weiter in Richtung Südosten durch Oberösterreich auf den Pötschenpass – dem höchsten Punkt meiner Tour mit 993m Meereshöhe. Das ist zwar nicht viel – aber dennoch war es ein schöner Moment – da ich gleichzeitig auch in die Steiermark (meiner Heimat) gelangte. In Liezen rüstete ich mich für meine letzte Reise durch die Nacht. Ab hier wurde es sogar einmal etwas winterlich. Schnee, eisige Fahrbahn und eine Durchschnittstemperatur von -3,2°C begleiteten mich von nun an bei meiner Reise. Ab einer gewissen Zeit in dieser Umgebung war es mir nicht mehr möglich aus meiner Aeroflasche zu trinken, da sie zugefroren war.

Christian Graber ist wieder in der Steiermark und vorbei am Loser, dem Berg

Zurück in der Steiermark

Das letzte Stück musste ich also mit weniger Flüssigkeit bestreiten. Nach 02:00 Uhr hatten aber schon alle Tankstellen geschlossen, was mich dazu veranlasste zum ersten Mal ein Freudenhaus zu betreten. Dort wurde ich am frühen Morgen des Heiligen Abends herzlich empfangen und ich konnte meine Wasserreserven auffüllen. Anschließend radelte ich noch die letzten 70 Kilometer mit eiskalten Zehen und ohne Möglichkeit sie aufzuwärmen bis ich dann zu Hause ankam und herzlich von meinen Eltern begrüßt wurde.

Christian Graber hat es geschafft

Home sweet home

Genug oxidativer Weihnachtsstress – diese Tour war erfolgreich beendet! Ich darf mich herzlich bei meinen Sponsoren bedanken, die mir das alles ermöglichten. Ein ganz besonderes Dankeschön möchte ich an meinen Fotografen Stefan J. Pflanzl und meinen Kameramann Christian Pohler richten. Sie fuhren die gleiche Strecke mit dem Auto und lauerten immer wieder auf mich, um während der Tour immer wieder Updates auf meine Facebookseite hochzuladen.

Ich freue mich schon wahnsinnig auf meine nächste Tour. Mit dem Fahrrad war ich nun schon fast überall in Europa, also werde ich mir mal die Wasserwege dieses Kontinents anschauen. Mehr wird noch nicht verraten.

Photos by  12557122_1707281436157614_1083276866_o

 

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Written by: christian

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  1. sehr schöner bericht! mega leistung! gratuliere nochmal! bin schon auf deine zukünftigen touren gespannt ?? glg bernd